Was für Hollywood einst der Orient, das ist für Bollywood heute die
Schweiz: Ein lockendes Paradies, der Himmel auf Erden. Bollywood, die
grösste Traumfabrik des indischen Subkon-tinents, ist die produktivste
Filmindustrie der Welt. Über 800 Produktionen bringen die Studios aus
Bombay und Umgebung jedes Jahr ins Kino. Hollywood schafft zum Vergleich
nur deren 600. Romantische Komödien sind das zugkräftigste Genre des
Bollywood-Kinos, formelhafte Stories mit der richtigen Mischung aus
emotionalen Ingredienzen wie Glück und Verzweiflung, Liebe, Wut und
Kummer, Erstaunen und Heldenmut. Zur Grundausstattung jedes Bollywood-Films
gehören romantische Sing- und Tanznummern. Die Filme dauern im Schnitt
drei Stunden und umfassen mindestens sechs Songs, in denen sich Heldin
und Held singend und tanzend ewige Liebe schwören, ob die Story des
Films dazu nun direkten Anlass bietet oder nicht. Gedreht werden die
Sing- und Tanznummern auch in der Schweiz. Saftige Matten, weisse Gipfel,
blankgeputzte Eisenbahnen und malerische Chaletfassaden bilden den idealen
Schauplatz für die melodischen Liebesschwüre der Bollywood-Stars. Früher
wurden die Song-Nummern meist im Kaschmir gedreht, dem angestammten
Sehnsuchtsort der indischen Mythologie. Wegen der politischen Unruhen
und der Grenzstreitigkeiten mit Pakistan kommt das Kaschmir-Tal aber
als Drehort kaum mehr in Frage. Die Schweiz mit ihrer einwandfreien
Infrastruktur und ihren Bergen, die denen des Kaschmir an Schönheit
in nichts nachstehen, hat sich zum beliebtesten Ausweichraum entwickelt.
Mittlerweile werden in der Schweiz mehr Meter Film pro Jahr von indischen
Filmequipen belichtet als von einheimischen. Im Alltag der indischen
Kinofans (angesichts der Zuschauerzahlen könnte man vereinfachend auch
sagen: im indischen Alltag) hat sich die Schweiz denn auch längst zu
einem Fluchtpunkt der Fantasie entwickelt: Als Mischung aus den Klischees
des Landes, die man weltweit kennt, und den Sehnsuchtsbildern, die Bollywood-Filme
auf die schweizerischen Alpenmatten projizieren. Links:
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